Feelings vs. Feel-Good—Der spirituelle Irrtum
- Tina Maria Werner

- 30. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Spiritualität hat ein Imageproblem: Zu oft klingt sie nach Licht, Frieden, Harmonie – und nach der stillen Forderung, immer „gut drauf“ sein zu müssen. In vielen spirituellen Räumen entsteht ein subtile Botschaft: Hoch schwingen. Hell strahlen. Liebe fühlen. Alles andere transformieren.
Doch das ist kein Bewusstsein.
Das ist Vermeidung mit spirituellem Glanzfilter. Erdbeersosse oder Ketchup auf allem!
Die Wahrheit ist deutlich einfacher – und deutlich ehrlicher: Gefühle sind Informationen, kein Problem. Fühlen ist keine Störung des Bewusstseins, sondern sein Zugang.
Und genau das vergessen viele, die Licht suchen, aber Schatten meiden.
Der Irrtum: Feel-Good statt echte Gefühle
Wenn Menschen nur an Frieden festhalten, flüchten sie vor dem Teil der Seele, der sie wachsen lässt. Trauer, Wut, Angst, Scham, Enttäuschung – sie sind nicht „niedrig schwingend“. Sie sind ehrlich. Sie sind menschlich. Sie sind notwendig.
Feel-Good-Spiritualität versucht oft:
Schmerz wegzulieben
Wut zu „befreien“ statt zu verstehen
Angst zu „erhöhen“ statt zu fühlen
Traurigkeit „loszulassen“ statt ihr zuzuhören
Das Ergebnis wirkt hell – aber innen bleibt es leer. Denn alles, was wir wegdrücken, bleibt im Körper.
Alles, was wir „transformieren“ wollen, ohne es zu fühlen, bleibt unverdaut.
Was Gefühle wirklich sind: Botschaften deiner Seele
Gefühle kommen nicht, um dich zu sabotieren. Sie kommen, um dich zu erreichen.
Trauer sagt:
Hier hat etwas Bedeutung.
Wut sagt:
Hier stimmt eine Grenze nicht.
Angst sagt:
Hier brauchst du Halt oder Klarheit.
Scham sagt:
Hier brauchst du Zugehörigkeit, nicht Rückzug.
Sehnsucht sagt:
Hier wartet dein Weg auf dich.
Gefühle sind nicht gegen dich! Sie sind du – in der tiefsten Form: roh, unverstellt, ehrlich.
Gefühle sind die Brücke zur Seele. Sie führen hin zu Wahrheit, Bedürfnissen, Integrität und Heilung.
Warum Gefühle oft zu „viel“ wirken
Viele Menschen sind nicht gefühls-schwach. Sie sind nervensystem-überlastet.
Wenn das Nervensystem nicht reguliert ist, wirken Gefühle:
intensiver
chaotischer
bedrohlicher
unkontrollierbarer
Nicht, weil die Emotion falsch wäre. Sondern weil der Körper sie nicht halten kann.
Dysregulation macht selbst kleine Impulse groß. Sie verstärkt Trauer, verdichtet Angst, überlädt Wut. Das führt dazu, dass Menschen denken: „Emotionen sind gefährlich. Ich muss sie vermeiden.“
Dabei wäre die Wahrheit: „Mein Körper bräuchte Unterstützung – nicht meine Gefühle ein Verbot.“
Der seelische Auftrag dahinter
Gefühle sind ein inneres Navigationssystem. Sie bringen uns an Orte, die wir sonst meiden würden:
zu wahrer Nähe
zu echter Klarheit
zu alten Verletzungen
zu mutigen Entscheidungen
zu authentischer Selbstführung
Gefühle weisen uns den Weg, den der Verstand nicht sieht und die Spiritualität manchmal romantisiert.
Seelenarbeit ohne Gefühle ist Kosmetik.
Seelenarbeit mit Gefühlen.
Feelings statt Feel-Good – der echte Weg
Der spirituelle Weg ist nicht der Angenehmste. Er ist der Wahrste. Er verlangt Mut:
Mut, dem eigenen Schmerz zu begegnen
Mut, die eigene Wut zu respektieren
Mut, Angst auszuhalten
Mut, Sehnsucht zuzulassen
Mut, Grenzen zu erkennen
Mut, Verantwortung zu übernehmen
Nicht, um dunkel zu sein, um echt zu sein. Denn nur wer fühlen kann, kann frei werden.
Nur wer Gefühle versteht, versteht sich selbst. Und nur wer die eigene Tiefe zulässt, kann wirklich leuchten.



