Warum wir Gefühle fürchten – und was das über uns sagt
- Tina Maria Werner

- 30. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Gefühle sind natürlich. Menschlich. Unvermeidbar.
Und trotzdem: Viele Menschen haben Angst davor. Nicht vor Wut an sich, sondern vor der Kraft dahinter. Nicht vor Traurigkeit, sondern vor dem Kontrollverlust, den sie bedeuten könnte. Nicht vor Liebe, sondern vor dem Risiko, das sie sichtbar macht.
Wir fürchten Gefühle oft nicht, weil sie gefährlich sind – sondern weil wir nie gelernt haben, sie zu tragen.
Diese Angst ist kein persönliches Versagen. Sie ist das Ergebnis von Prägung, Kultur, Erwartung und fehlenden Vorbildern. Das macht sie erklärbar – und veränderbar.
1. Konditionierung aus der Kindheit – „Sei brav“, „Reiß dich zusammen.“
Viele Menschen wurden mit klaren Botschaften groß:
nicht schreien
nicht traurig sein
nicht wütend werden
nicht auffallen
nicht „zu viel“ sein
Kinder lernen dann: Gefühle überfordern Erwachsene.
Ergebnis: Unterdrückung wird zur Überlebensstrategie.
Wer als Kind abgewertet oder ignoriert wurde wenn er fühlte, trägt als Erwachsener Schutzmechanismen – oft aus Angst, erneut zurückgewiesen zu werden.
2. Eine Kultur der Extreme – übersexualisiert oder überintellektualisiert
Wir leben in einer Welt, die Gefühle entweder inszeniert oder wegargumentiert.
Serien zeigen „Drama“ statt Emotionalität.
Social Media zeigt „Love & Light“ statt Echtheit.
Arbeitswelt zeigt „Effizienz“ statt Menschlichkeit.
Bildung zeigt „Denken“ statt Spüren.
Gefühle tauchen kaum in ihrer echten Form auf.
Wir lernen, wie man sie performt – nicht, wie man sie fühlt.
3. Misstrauen gegenüber der eigenen Verletzlichkeit
Verletzlichkeit hat ein schlechtes Image.
Viele haben gelernt:
Verletzlich = angreifbar
Offenheit = Risiko
Nähe = Kontrollverlust
Wir misstrauen dem Moment, in dem wir sichtbar werden. Wir fürchten, dass unser Inneres nicht geschützt ist – und halten uns zurück.
4. Die Angst, „schwach“ oder „falsch“ zu wirken
Gefühle wurden oft moralisiert:
Wut ist „ungehörig“.
Traurigkeit ist „übertrieben“.
Angst ist „kindisch“.
Sehnsucht ist „abhängig“.
Freude ist „naiv“.
Das erzeugt Scham.
Und Scham ist der stärkste Kleber für emotionale Unterdrückung.
Wir zeigen dann lieber Stärke, Ruhe, Kontrolle – selbst wenn wir innerlich brennen.
5. Fehlende Vorbilder – niemand hat uns gezeigt, wie es geht
Die meisten von uns hatten kaum Erwachsene, die:
wütend waren, ohne verletzend zu werden
traurig waren, ohne zu zerbrechen
Angst hatten, ohne sich zu schämen
Liebe zeigten, ohne Bedingungen
sich entschuldigen konnten
bei sich blieben, während sie fühlten
Ohne Vorbild fehlt Orientierung.
Ohne Orientierung entsteht Unsicherheit.
Und Unsicherheit produziert Angst.
Das Ergebnis: emotional überlastet und gleichzeitig emotional unterernährt
Wir tragen zu viele Gefühle in uns – ungeordnet, unbenannt, unbewältigt.
Gleichzeitig kommt zu wenig echte emotionale Nahrung an:
ehrliche Gespräche
körperliche Nähe
Verständnis
Ruhe
Sicherheit
Zeit
Menschen sind heute emotional gestresst – und emotional ausgehungert. Beziehungen leiden. Arbeit leidet. Selbstwert leidet. Und wir fühlen uns schuldig, obwohl es ein systemisches Problem ist.
Der wichtige Satz, der alles verändert:
„Wir haben Angst vor unseren Gefühlen – nicht weil sie gefährlich sind, sondern weil wir nie gelernt haben, sie zu tragen.“
Dieser Satz entlastet.
Er macht klar: Das Problem ist nicht das Gefühl.
Das Problem ist der fehlende Halt. Und Halt kann man lernen – Schritt für Schritt. Damit entsteht ein Raum, in dem Gefühle nicht mehr Bedrohung sind, sondern Information. Verbindung. Wahrheit. Ein Raum, in dem du dich nicht fürchtest, du selbst zu sein.



